z u   " w e s e n t l i c h "

Du kannst dir kein Bildnis machen ...

 

Was ist Realität ?

 

Der Ausgangspunkt für meine Überlegungen ist die Frage nach der Realität. Seit Jahrtausenden fragt sich der Mensch, inwieweit er sich auf seine Wahrnehmung verlassen kann, wo die Grenze zwischen Vorstellungen, Träumen und der realen, objektiven Welt außerhalb unseres Gehirns verläuft. Die Physiologie lehrt uns, daß jede Wahrnehmung prinzipiell beschränkt ist. Die Sinnesorgane reagieren nur auf jeweils spezifische Frequenzbereiche. Wir hören keinen Ultraschall und sehen kein Infrarotlicht. Zudem sortiert das Gehirn bestimmte Frequenzen, Strukturen, Teile der Sinneseindrücke aus und gewichtet sie nach der Priorität für unser Überleben, bevor uns überhaupt irgendetwas bewußt wird. Würde uns mehr als nur ein Bruchteil der tatsächlichen Reize bewußt, würde die Überlastung uns handlungsunfähig machen. Diese Filterfunktionen sind von Tierart zu Tierart, ja sogar von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Die Evolution läßt den Frosch nur Bewegungen sehen, manche Insekten nur das UV-Licht. Die Fliege hat tausend Augen, die Schlange Infrarotaugen, der Hund riecht gut und sieht schlecht, der Mensch umgekehrt. Der eine Mensch sieht nur bestimmte Farben, der andere hat ein absolutes Gehör. Wenn zwei Menschen einen Rasen, der objektiv ein bestimmtes Frequenzspektrum reflektiert, „grün“ nennen, wer will dann beweisen, ob das subjektive innere Bild bei beiden die gleiche Farbe zeigt, oder ob sie nur den gleichen Begriff für ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen gelernt haben ? Welches von allen diesen Lebewesen darf jetzt behaupten, die Realität wahrzunehmen?

 

Was können Abbildungen leisten ?

 

Wenn wir jetzt die Photographie oder eine beliebige andere Abbildungsmethode betrachten, gibt es neben der individuell unterschiedlichen Wahrnehmung des Subjekts noch zahllose technische Einschränkungen: Jedes Aufzeichnungsmedium hat eine spezifisch begrenzte Auflösung der Bildinformationen, jeder Apparat hat seine Grenze in der kürzesten zeitlichen Auflösung, jeder Film oder CCD-Chip wandelt nur ein bestimmtes Lichtspektrum in Farbpunkte um, und auch das in jeweils charakteristischer Weise. Lichtempfindlichkeit und Kontrastwiedergabe sind bei jedem Material anders, Tele- und Weitwinkelobjektive verändern die Perspektive des Bildes, eine kleine Blende ermöglicht eine viel höhere Schärfentiefe, als sie unser Auge hat, und jedes Bild komprimiert die 4-dimensionale Raumzeit in die 2 Dimensionen einer Fläche.

 

Unschärfe als Wahrnehmungsprinzip - Von Plato bis Heisenberg

 

Schon Plato erkannte die prinzipielle Unmöglichkeit, eine objektiv vergleichbare äußere Realität aufgrund unserer Sinneseindrücke wahrzunehmen. Seine Gedanken können wir im berühmten „Höhlengleichnis“ nachlesen: man sieht nur Schatten der Außenwelt; die Sinneswahrnehmung, in unserem Körper gefangen, bleibt unscharf.

Ich glaube sogar, daß es überhaupt keine objektiven oder scharfen Abbildungen gibt. Jede Vergrößerung bringt irgendwann Unschärfe hervor. Unser Auge als unser bestes eigenes Beurteilungsinstrument hat selbst eine begrenzte Auflösung, ebenso das weit schärfere Adlerauge, genauso jede Linse und jedes Aufzeichnungsmedium. Auch im Hinblick auf die Zeit gibt kein Bild einen Zeitpunkt wieder; selbst die 1/8000 Sekunde ist eine Zeitspanne! Daher ist jedes Photo grundsätzlich „verwackelt“.

Spinnt man diese Gedanken bis auf die kleinste heute meß- und vorstellbare Ebene, die Quantenphysik, fort, so kommt man zu Heisenbergs sogenannter Unschärferelation. Bei maximaler Vergrößerung begegnet uns die maximale Unschärfe, nämlich eine prinzipielle, nicht weiter auflösbare. Die Unschärfe scheint mir also ein generelles Prinzip zu sein. Im Alltag ist sie lediglich graduell mehr oder weniger wahrnehmbar, je nach Vergrößerungsmaßstab, aber sie bleibt immer und überall vorhanden. Darin sehe ich einen inneren Zusammenhang zwischen den Erkenntnissen Platos und denen Heisenbergs über 2000 Jahre später.

 

Konsequenzen

 

Wenn ich eine angenommene objektive Realität außerhalb meines Gehirns weder objektiv wahrnehmen, noch realistisch abbilden kann, so bleibt sie ein theoretischer Begriff. Dann kann ich mich nur noch auf meine individuelle Wirklichkeit beziehen, als die Summe der Einflüsse auf mein Handeln und mein Weltbild. Diese ist sowohl beeinflußt von den evolutionär bedingten Filtermechanismen im Gehirn, als auch von den Vorurteilen meiner Erfahrung. Wenn alle Wahrnehmung aber nur subjektiv sein kann, wie sollte ich dann etwas reales abbilden können? Ich kann mich nur auf den Versuch beschränken, meine eigene Wirklichkeit in Bilder zu übersetzen, um sie anderen mitzuteilen.

 

Was ist mir wesentlich ?

 

Dafür muß ich mich zuerst fragen: Was ist meine Wirklichkeit? Was beeinflußt meine Gedanken, Gefühle, Entscheidungen? Was davon halte ich für wesentlich für mein Leben? Was lohnt angesichts der heutigen Bilderflut in Internet, Presse und Werbung von mir verbildlicht zu werden? Diese Fragen stelle ich in der Photoserie „Wesentlich“. Aus den oben genannten Gründen, und um dem Betrachter größtmöglichen Raum für den Blick auf seine eigene Wirklichkeit zu lassen, bietet sich die Unschärfe als Stilmittel an.

 

Was soll Kunst sein?

 

Ich muß mir aber auch noch weiter gehende Fragen nach dem Wie und Warum meines Tuns stellen, nach dem Sinn und den Möglichkeiten der Kunst. Meiner Ansicht nach sollte sie etwas mit der aktuellen Wirklichkeit der Menschen zu tun haben, nicht nur historisch wertvoll oder „schön“ sein. Ein Kunstwerk weckt bei einem offenen Geist von selbst Interesse und fordert ihn heraus. Es kann im Betrachter etwas bewirken, eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Frage darf nicht nur sein: Was will mir der Künstler damit sagen, sondern vor allem: Was macht das Kunstwerk mit mir, was sagen meine Reaktionen über mich aus? Kunst erweitert den Denkhorizont, sowohl des Künstlers als auch des Betrachters. Daher sehe ich die Beschäftigung mit der Kunst durchaus als Mitwirkung an der Sozialen Plastik im Sinne von Joseph Beuys. Indem ich mir über mich selbst und meine Sicht der Welt klar werde, und mir dabei meine Prioritäten vergegenwärtige, verbessere ich schon in kreativer Weise den kleinen Teil der Welt, für den ich verantwortlich bin. Dann ist „jeder Mensch ein Künstler“ (Beuys) und sein eigenes Werk zugleich.

Kunst muß, um diese Kriterien zu erfüllen, nicht im landläufigen Sinne „schön“ sein, darf es aber. Im besten Fall ist sie intellektuell reflektiert, und enthält trotzdem intuitive, psychologische Dimensionen, die nicht erklärbar oder bewußt gewollt sind. Das versuche ich mit meiner Arbeitsweise zu erreichen, indem ich mich zuerst sehr gründlich auf ein Thema vorbereite, während ich die Bilder dann in einigem Abstand dazu eher intuitiv entstehen lasse.

 

Das unerreichbare Ziel

 

Mein Weg ist die ständig neue Suche nach dem „letzten Bild“, das alle überflüssigen, nervenaufreibenden Bilder in unserer Welt überdauert, nach dem einheitlichen Welt-Bild, einem Symbol für Sinn und Ganzheitlichkeit. Ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß ich dieses Ziel in der Form eines einzigen, endgültigen Bildes jemals werde erreichen können, jedenfalls nicht in dieser Welt. Trotzdem lohnt der Weg die Suche.

 

© Boris Berns 2007